Bezirksverband
Hamm - Kreis Unna
der Kleingärtner e.V.

 

                           Nadeshda 19. bis 23. September 2007

Lieber Besucher dieser Webseite, dieser Reisebericht ist etwas umfangreich geworden. Die vielfältigen und teilweise überwältigenden Reiseeindrücke haben es einfach nicht zugelassen, diesen Bericht zu kürzen. Sollte er ihnen zulang sein, dann schauen sie vielleicht später noch einmal vorbei, außerdem habe ich den Bericht absichtlich in vier Abschnitte aufgeteilt. Schon jetzt aber vielen Dank für ihr Interesse an Weißrussland und an das Kinderheim „Nadeshda“.

Manfred Wanierke

Mittwoch, 19. September 2007
Anreise mit Bus und Flugzeug nach Weißrussland

Donnerstag, 20. September 2007
Besichtigung des Kinderzentrum und Fahrt ins Dorf Komarowo im Rayon Mjadel Gebiet Minsk

Freitag, 21. September 2007
Heute ging es nach Minsk und anschließend besuchten wir weißrussische Kleingärtner

Samstag, 22. und Sonntag 23. September 2007
 Besichtigung des Freilichtmuseums für Architektur und Haushalt, Treffen mit Kindergruppen,
Geburtstagsfeier, 13 Jahre Nadeshda und Heimreise

Reise nach „Беларусь“ / Belarus

Nadeshdareise Gruppenfoto

Einige Bekannte begegnen mir mit einem fast schon bedauernden Blick, als sie erfahren, dass ich in ein Land fahre, in das eigentlich keiner fährt. Ein weißer Fleck auf der weltweiten Karte des Tourismus, nur bekannt durch die Katastrophe des „Zweiten Weltkrieges“ und des „Reaktorunglücks von Tschernobyl“. Aber gerade diese Katastrophe von Tschernobyl führt mich, besser gesagt, die Vorstandsmitglieder des Bezirksverbandes Hamm/Kreis Unna der Kleingärtner, Rolf König, Peter Schulz und Manfred Wanierke gemeinsam mit ihren Ehefrauen und 19 anderen Gartenfreunden des Landesverbandes Westfalen und Lippe der Kleingärtner, in dieses Land.
Ziel war auch in diesem Jahr wieder das Kinderzentrum Nadeshda (auf deutsch: Hoffnung), wo wir mit unseren „Weißrussischen Freunden“ gemeinsam den 13. Jahrestag des Kinderzentrums feiern wollen. Dieses Kinderzentrum wird schon seit einigen Jahren vom Landesverband sowie von einigen Bezirks- und Stadtverbänden mit Geld- und Sachspenden unterstützt. Das Zentrum ist eine ganzjährige Rehabilitations- und Erholungseinrichtung für Kinder und Jugendliche, die unter den Folgen der Reaktorkatastrophe im Atomkraftwerk Tschernobyl leiden.

Ausgangspunkt unserer gemeinsamen Reise war die Landesschule in Lünen, wo uns schon der Geschäftsführer des Landesverbandes Werner Heidemann erwartete. Reisepässe, Visum und Flugtickets wurden verteilt und dann ging es im elegant und gut gepolsterten Reisebus von Lünen über die Autobahn zum Flugplatz nach Frankfurt am Main. In dem Zeitraum, als Getränke angeboten und die Toiletten erklärt werden, habe ich Zeit und Muße, unsere Reisegruppe zum ersten Mal genauer in Augenschein zu nehmen. Um mich herum sitzen Gartenfreunde, an denen mir ihre Fröhlichkeit auffällt. Geht diese Reise wirklich in ein Land, das oft so hoffnungslos dargestellt wird? Einige meiner Mitreisenden scheinen sich außerdem schon lange zu kennen, stimmt, ich selbst fahre ja nun auch schon zum dritten Mal nach „Nadeshda“. Während der Busfahrt wird mir auch klar, dass für viele meiner Mitreisenden dieses Kinderzentrum schon so etwas wie ein zweites Zuhause geworden ist und das sie nicht als Touristen unterwegs sind, sonder als Freunde, die kranken Kindern helfen möchten.
Wir sind nun gemeinsam auf eine fünftägige Bildungsreise und wie unser Programmheft verspricht, wird der Höhepunkt der Reise die Begegnung mit Kindern und der 13. Geburtstag des Kinderzentrums sein.
Pünktlich um 15.00 Uhr hoben wir dann mit einer Boeing 737-500 der Belarussian Airlines bei fast wolkenfreiem Himmel ab. Unter uns, wie schon vor zwei Jahren, schön zu sehen das Frankfurter Kreuz und die Autobahn A3. So ging es nun in Richtung Minsk, wo wir gegen 18.00 Uhr, nach russischer Zeit, landeten. Nachdem wir diverse Schranken durchquert und die weißrussische Passkontrolle und Einreise hinter uns gebracht hatten, erwartete uns, unter der Leitung von Wjatscheslaw Makuschinsky (Direktor des Kinderzentrums), und der Dolmetscherin Elena, eine große Delegation weißrussischer Freunde. Hier Umarmen, dort ein Küsschen, der Empfang war wieder überwältigend.

Abendstimmung bei der Busfahrt nach Nadeshda

Anschließend ging es dann mit einem etwas überalterten Bus, ich glaube die Federung müsste mal erneuert werden, zunächst auf der P80, dann auf der P58 in Richtung Wilejka-See. Während der ca. 2-stündigen Fahrt durchqueren wir kleine und stille Dörfer, wir genießen die vorbeiziehende endlose Kulisse von Wald und Flur, die sich in den frühen Abendstunden wie ein farbenfrohes Bilderbuch darstellt.

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 Besichtigung des Kinderzentrums und Fahrt ins Dorf Komarowo im Rayon Mjadel Gebiet Minsk

Nach dem Frühstück informierte uns Wjatscheslaw Makuschinsky (Direktor des Kinderzentrums) über die Tätigkeit und Entwicklung des Kinderzentrums „Nadeshda“. Nadeshda heißt auf deutsch „Hoffnung“ und das Wort „Hoffnung“ hat in diesem Zentrum Form angenommen.

Alexander Ruchlja, Werner Heidemann (Geschäftsführer des LVB Westfalen und Lippe), Elena (unsere Dolmetscherin) und Wjatscheslaw Makuschinsky (Direktor des Kinderzentrums)

Die Liste der Helfer und Organisationen ist lang. Ganz am Anfang stand eine politische Pilgerfahrt des "Christlichen Friedensdienstes" nach Minsk. Im Rahmen dieser Versöhnungsarbeit wurde die Tschernobylkatastrophe zu einem zentralen Thema. 1993 reiste dann eine Delegation der westfälischen Männerarbeit nach Weißrussland, um dort eine alte Erholungsstätte der Universität Minsk aufzukaufen. Hervorzuheben ist an dieser Stelle der ehemalige Geschäftsführer der Männerarbeit der evangelischen Kirche von Westfalen und damalige Vorsitzende des Bezirksverbandes Hamm-Kreis Unna der Kleingärtner e. V., Wolfgang Menzel. Handwerker vor OrtUnter der Leitung von Wolfgang Menzel waren dann auch bereits im September 1993 Kleingärtner aus Schwerte, Bergkamen, Unna und Hamm die Ersten, die in Zusammenarbeit mit dem Sozialdienst "Evangelischer Männer" der evangelischen Kirche von Westfalen als Aufbauhelfer, als Handwerker vor Ort, den Grundstein für das Kindererholungszentrum „Nadeshda“, etwa 70 km nordwestlich von Minsk legten.
Der Landesverband Westfalen und Lippe und der Bezirksverband Hamm / Kreis Unna der Kleingärtner unterstützen das Kinderzentrum seitdem ideell und materiell. Inzwischen hat sich zwischen den Mitarbeitern des Kinderzentrums, dessen Familien und vielen anderen belarussischen Bürgern eine Partnerschaft gebildet, sodass man sich gegenseitig einmal im Jahr besucht.

Alexander Ruchlja, einer der Gründer des Kinderzentrums berichtete anschließend über die Bedeutung der Datschenwirtschaft für die Ernährungs-, gesundheits- und sozialkulturelle Situation der Großstadtbevölkerung in Belarus. Da wir ja alle selbst Kleingärtner sind, war es für uns natürlich interessant, die Unterschiede der Deutschen und belarussischen Kleingartenbewegung kennenzulernen.
Laut Statistik gibt es zurzeit 1.265.000 private Grundstücke, davon sind 762.000 Datschenbesitzer. Das sind rund 15 % der gesamten Ackerfläche in Weißrussland. Gemeinsame Merkmale zwischen Kleingärtner und Datschenbesitzer gab es bis zum Jahr 1999. Bis dahin konnten Datschenbesitzer, so wie auch in Deutschland, das Grundstück nur pachten, jedoch ab 1999 können sie diese Grundstücke auch kaufen. Datschen und Gemüsegärten dienen auch heute noch als Schutz vor Armut in Belarus und bleiben weiterhin eine ernsthafte soziale Absicherung. 24 % der Lebensunterhaltung wird danach durch eigenen Anbau von Gemüse, Beeren und Obst auf den eigenen Datschen oder Privatgärten finanziert. Teilweise wird das Angebaute auch auf den Märkten in den Großstädten wie Minsk und Brest, verkauft. Nach den Angaben des Ministeriums für Landwirtschaft wurde im vergangenen Jahr auf den Datschen und in den Privatgärten ca. 40% des gesamten Milchvolumens, etwa 20 % Fleisch, 90 % Kartoffeln, 80 % Gemüse und Obst produziert. Das ist schon ein erheblicher Beitrag den die Gartenbesitzer leisten und deswegen spielen die Datschen auch heute noch für die Ernährung der Besitzer eine große Rolle. Durften die Grundstücke während der Sowjetzeit nur 400 qm groß sein, so können sie heute bis zu 1.500 qm groß sein. So war auch die Größe des Gartenhauses damals auf 6m x 6m begrenzt, ab 1999 gibt es keine Baubeschränkung mehr.
Überall sieht man Kinder, die hier mit der gesamten Schulklasse aufgenommen werdenEin anschließender Rundgang durch das geräumige Gelände des Kinderzentrums zeigt uns dann, dass in den liebevoll ausgestatteten Spielplätzen und Sportstätten jetzt die Kinder allgegenwärtig sind. Hier wird geschaukelt, dort wird gerutscht, überall sieht man Kinder, die hier mit der gesamten Schulklasse aufgenommen, betreut, gesund ernährt, ärztlich betreut und für ihr weiteres Leben vorbereitet werden. Jeden Tag, den sie hier verbringen, dient ihrer Erholung und verbessert ihre Überlebenschancen in einer verstrahlten Umwelt. Die Kinder kommen aus den stark kontaminierten Regionen der Gebiete Gomel’ und Magilev. Nach dem Aufenthalt in Nadeshda ist das Immunsystem der Kinder nachweislich deutlich gestärkt.
Damit das Kinderzentrum, das in einer unbelasteten Zone am Wilejka-See liegt, von der schwierigen Versorgungslage in Weißrussland abgesichert ist, werden auf einer angepachteten Fläche selbst landwirtschaftliche Produkte wie Kartoffeln, Rote Bete, Weißkohl, Heilkräuter usw. angebaut. Außerdem werden in drei jeweils 200 qm großen Gewächshäusern Tomaten und Gurken angebaut sowie Gemüsepflanzen vorgezogen.
Fitness- und Gymnastikraum zu Ehren von Wolfgang Menzel
Beim weiteren Rundgang durch das Kinderzentrum kommen wir dann auch an den Ort, der zum Andenken an Wolfgang Menzel errichtet wurde. Wolfgang Menzel war einer der Initiatoren des Kinderzentrums.
Im Dezember 2005 verstarb er plötzlich und unerwartet auf dem Weg nach Nadeshda. Wolfgang Menzel hat uns allen vorgelebt, was Hilfe im alltäglichen Leben bedeutet. Sein besonderes Engagement galt den Kindern in Weißrussland, die unter den Folgen der Tschernobylkatastrophe leiden.

Deshalb wird Wolfgang Menzel auch nach seinem Tod von den Weißrussen wie einer von ihnen verehrt. Ihm zu Ehre wurde von den Spenden der vielen Trauergäste ein Fitness- und Gymnastikraum eingerichtet.

Am Nachmittag, um 14 Uhr, hieß es dann Abfahrt ins Innovationsprojekt Dorf Komarowo im Rayon Mjadel Gebiet Minsk. Hier wurden wir auch schon von dem Leiter des Dorfes, Edouard Vaitsiakhovich empfangen, der uns dann bei einem Rundgang das Projekt ausführlich erklärte.
Danach stellt die Republik von Belarus eine Region dar, die an historischen und kulturellen Denkmälern reich ist. Jedoch wird dieses unermessliche Potenzial aus den unterschiedlichsten Gründen nicht verwendet: politisch, ökonomisch, sozial. Leider sind die wertvollen Denkmäler des 18- und 19-Jahrhundert, sie gehörten alten belarussischen Familien, in einem schlechten Zustand.

 
Im Dorf Komarowo im Rayon Mjadel Gebiet Minsk

Dieser geschützte Bezirk hat außerdem die schönsten und saubersten Seen des Landes. Diese Gegend wäre für die Entwicklung des ökologischen Tourismus in hohem Grade vorteilhaft, was in Belarus aber nicht erkannt wird. Die Hochschulführung des Ortes versucht jetzt Partner zu finden, um die historischen Komplexe wieder herzustellen. Auf dem ökotouristischen Bauernhof „Podkostjolok“ endete dieser Tag dann mit einem folkloristischen Abend in echter Freude und Ausgelassenheit.

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Heute hieß es: „Auf nach Minsk“ und anschließend weißrussische Kleingärtner besuchen.

Minsk ist die Stadt mit den breiten sauberen Straßen,  modernen und alten architektonischen Gebäuden,  Parks und  grünen Prachtstraßen. In Minsk kann man das Beste kulturelle Erbe Weißrusslands besichtigen - Museen, Ausstellungen, Theater, das weltberühmte weißrussische Ballett, usw. Minsk wurde vor mehr als 950 Jahre gegründet. Sehenswert in Minsk sind vor allem die Altstadt, die früher so genannte "Oberstadt" um die orthodoxe Heiliggeist-Kathedrale, das alte Benediktinerinnenkloster aus dem Jahre 1628 und das nach historischen Plänen wiederaufgebaute Rathaus.

Besuch des botanischen Gartens in Minsk

Da wir vor zwei Jahren schon einmal Minsk besichtigt hatten, ging es diesmal sofort in den „Botanischen Garten“ von Minsk, einer öffentlichen Gartenanlage mit Freiland und Gewächshäusern, die Sammlungen von Pflanzen aller Erdteile enthält und als Lehr- und Forschungsstätte große Bedeutung hat. Der Stolz der Anlage sind 90 verschiedene Arten von Flieder, in den Farben von Weiß über Rosa bis Blau sind alle Farben vorhanden.
Palast der Republik
Wer zum ersten Mal nach Minsk kommt, ist irritiert und überwältigt von den riesigen Boulevards, den endlosen Parks mitten im Zentrum, den vielen mit sonderbarem Dekor reich verzierten Palästen, so auch der in den 1980er-Jahren erbaute Palast der Republik. Nicht zuletzt durch die Ereignisse nach den Präsidentschaftswahlen im März 2006 ist auch der Oktoberplatz mittlerweile gut bekannt, der als zentraler Platz für Kundgebungen dient und dessen prägendes architektonisches Element gerade dieser Palast der Republik ist. In diesem protzigen Palast gab es für uns dann auch ein Mittagessen.

Anschließen dann, in vier Gruppen aufgeteilt, hieß es weißrussische Kleingärtner kennenlernen. Jeder Gruppe ist für einen halben Tag auf einer Datscha bei Familien von Mitarbeitern und Freunden des Projekts eingeladen worden. Gennadij Akulizki wartete schon mit seinem Auto auf uns, um uns zur Datscha seiner Tante zu bringen. Doch vorher, unser Dolmetscher hatte noch etwas zu erledigen, hatten wir etwas Zeit uns den Regierungsplatz, dessen Erscheinung vor allem durch das riesige nicht übersehbare Regierungsgebäude sowie durch einen weithin sichtbaren Obelisken (Lenin), geprägt ist.
Auf dem Unabhängigkeitsplatz mit der römisch-katholischen Kirche im HintergrundEtwas weiter, beim letzten Besuch vor zwei Jahren noch im Umbau, der Unabhängigkeitsplatz mit der römisch-katholischen Kirche im Hintergrund. Die neogotische Kirche aus rotem Ziegel, die auf dem Minsker Hauptplatz liegt, wurde zu einem Symbol der Hauptstadt. In der sowjetischen Zeit war hier der Verein der Filmkünstler von Belarus untergebracht. Zum Glück haben die Kinoleute das Gebäude gut gepflegt. Nachdem die Gläubigen wieder die Kirche übernommen haben, hat diese schnell ihre ursprüngliche Gestalt angenommen. Die Kirche, die in den Jahren 1909 bis 1912 von Edward Wojnilowitsch erbaut wurde, liegt im Zentrum der Stadt und hat einen umfangreichen Saal. Obwohl ihre Architektur streng ist, hat die Kirche feine Verzierungen und ihre Buntglasfenster wurden nach weißrussischen künstlerischen Volkstraditionen ausgeführt. Das Hauptportal ist mit dem Familienwappen von Wojnilowitschs versehen.

Nun hieß es aber Abfahrt zur Datscha. Gennadij`s Ehefrau, die Schwester und die Tochter der Schwester mit Ehemann warteten schon mit Kaffee und Kuchen auf uns. Die Tante selbst musste leider an diesem Tag arbeiten. Wir „sechs Fremde“ nenne ich uns jetzt einmal, Brigitte Kleine, Friedel Müller, Edith und Werner Schauer sowie Elke und Manfred Wanierke, waren eigentlich von dieser Idee nicht so begeistert. Zu Besuch auf der Datscha von Gennadij Akulizkij`s TanteWir kannten schließlich ja keinen dieser Menschen, die uns jetzt für einen halben Tag zu sich auf der Datscha eingeladen hatten.
Doch anfängliche Ängste, wie man sich denn wohl verständigen wird, zerstreuen sich bald. Mit unserem lustigen, aufgeschlossenen und immer freundlichen „Eugen“ hatten wir einen wunderbaren Dolmetscher an unserer Seite.
Wie es sich für Kleingärtner gehört, machten wir natürlich zuerst einmal einen Rundgang durch den Garten und durch die Anlage. Diese Gärten sind in etwa 400 – 500 qm groß und unterscheiden sich von unseren Kleingärten in dieser Beziehung nicht. Kleingärtnerische Nutzung ist hier aber nicht vorgeschrieben, außerdem, sowie schon am Anfang meines Berichtes erwähnt, gibt es neuerdings bei der Größe der Häuser keine Begrenzung, wovon wir uns überzeugen konnten.

Unser neuer Freund "Ernst"Die anschließende Führung durch die Anlage übernahm dann „Ernst“ ein Vorstandsmitglied des Vereins. Ein fröhlicher, aufgeschlossener Gartenfreund, gekleidet mit einer blauen Jeanshose, blauem Jeanshemd mit der Aufschrift „Manhattan“, heller Jeansjacke, auf dem Kopf ein Hut aus Afghanistan, so stand er nun vor uns und erklärte uns zunächst, warum er „Ernst“ heißt. Als er geboren wurde, war der Name Ernst Thälmann in aller Munde und viele Neugeborene erhielten deshalb den Vornamen „Ernst“.

Die Anlage besteht aus 350 Grundstücken und ist rund 30 Jahren alt und er gehörte damals zu den Pionieren, die hier alles aufgebaut haben. Früher gehörten die Gärten überwiegend Mitglieder des sowjetischen Verteidigungsministeriums, auch er war damals Offizier. Als am 26. April 1986 der Atomreaktor von Tschernobyl explodierte, gehörte er zu den ersten „Sogenannten Liquidatoren" die in den folgenden Monaten nach Tschernobyl kamen (Soldaten, Studenten und "Freiwillige"), um das Kraftwerk zu dekontaminieren. Schwer krank wurde er anschließend, doch dank seiner Frau, die Ärztin ist, begann für ihn später ein neues Leben, so erzählt er es uns. Heute fühlt er sich glücklich in seinem Garten, wo er mit seiner Frau den ganzen Sommer verbringt. Dass seine Frau Ärztin ist, sieht man an den vielen Heilkräutern, die überall im Garten stehen.
Eine sehr gute Ernte hätte er in diesem Jahr gehabt, wovon wir uns anschließend auch überzeugen konnten. 3 Säcke Kartoffeln, 1 Sack Karotten, 1 Sack Rote Rüben, 13 Eimer Erdbeeren, mehr als 20 Eimer Tomaten und 15 Eimer Gurken hat er von diesen paar Quadratmetern geerntet. Von dem herrlichen Geschmack der Gurken konnten wir uns dann auch noch selbst überzeugen.
Jetzt wurde es auch schon wieder Zeit, Gennadij`s Ehefrau und Verwandtschaft hatte für uns Schaschlik gegrillt und der Duft stieg schon langsam in unsere Nasen.

Schaschlikessen am Abend

Beim abendlichen Essen durchzieht dann ein roter Faden die individuellen Eindrücke: Wir sind überwältigt von der grenzenlosen Herzlichkeit, mit der wir empfangen wurden. Unser neuer Freund „Ernst“, bedankte sich bei dieser Gelegenheit für das Engagement, was die Deutschen Freunde für das Kinderzentrum Nadeshda aufbringen. Hin und wieder blitzt auch das Thema "Vergangenheit" durch, dann aber mit einer Selbstverständlichkeit, die alles vergessen lässt. Er hatte viele Freunde die im Konzentrationslager waren, außerdem sind alle seiner Verwandten während des Krieges gefallen. Seitdem hat das deutsche Volk aber viele gute Sachen für diese Republik gemacht und die Hilfe kann man nicht mehr zählen. Ganz besonders liegen uns jetzt natürlich die „Tschernobylgeschädigten Kinder“ am Herzen und auf diese Kinder und auf unsere neue „Drushba“ (auf Deutsch Freundschaft) wollen wir nun unsere Gläser erheben, meinte Ernst.
Die partnerschaftliche Arbeit mit dem Kinderzentrum Nadeshda bereichert auch unser Leben und wir hoffen, dass dieses Projekt Nadeshda auch weiterhin lebendig bleibt, erwidert Manfred Wanierke anschließend und überreichte bei dieser Gelegenheit den Gastgebern eine Kleingärtnerfahne.

 
Manfred Wanierke überreichte als Gastgeschenk eine Kleingärtnerfahne.

Wir hoffen, dass wir damit auch die Kontakte zwischen alten und jungen Menschen aus Belarus und Deutschland stärken können. Die freundschaftliche Verbindung zwischen Nadeshda und den Kleingärtnern des Landesverbandes Westfalen und Lippe besteht ja nun auch schon seit über zehn Jahren. Diese Kleingärtner wollten und möchten auch in Zukunft mit ihrer Hilfe einen Beitrag zur Versöhnung und zur Wiedergutmachung an den Opfern leisten, die durch Hitler-Deutschland um einen Teil ihrer Jugend und ihrer Gesundheit gebracht wurden.
Müde aber glücklich von der Vielzahl gemeinsam erlebter Momente und man staunt, wie viel man an einem Tag essen und trinken kann, brachte uns Gennadij dann wieder nach Nadeshda zurück. Schon jetzt war uns klar: wir werden sicherlich in Verbindung bleiben und uns wiedersehen..

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Besichtigung des Freilichtmuseums, Treffen mit Kindergruppen, Geburtstagsfeier und Heimreise.

Es ging also um 8.15 Uhr los. Abfahrt ins Museumsdorf für Architektur und Haushalt im Dorf Oserzo. Zwei Stunden Busfahrt lag nun vor uns, war auch gut so, wir waren ja schließlich noch müde vom Vortag.
Das Freilichtmuseum befindet sich im Süd-Westen, 16 km von Minsk entfernt. Das Museum liegt am Ufer des Flusses Ptitsch zwischen den Dörfern Oserzo (im Norden) und Strotschizy (im Süden). Das Letzte gehört auch zu den „Museumsstücken“, weil hier alte und interessante Holzbauten erhalten geblieben sind. Es scheint, als ob die Natur selbst diese schönen Landschaften geschaffen hat, um das ganze Weißrussland und seine historische Regionen mit ihren eigenen Besonderheiten und Alltagsgegenständen vorzustellen.

 
Museumsdorf für Architektur und Haushalt im Dorf Oserzo

Das Museum wurde im Jahr 1976 gegründet. Heute werden hier drei (von sechs) Regionen Belorusslands dargestellt: Der zentrale Teil, das Seeland und die Dnepr-Region. Aus diesen Orten kamen auch die Wohn- und Wirtschaftsbauten, eine Dorfschule, eine katholische Ostkirche, eine Windmühle, ein belorussisches Schwitzbad (die Sauna) und eine Gastschenke. All das gibt den Besuchern des Freilichtmuseums die Möglichkeit, das Leben des alten hölzernen Weißrusslands näher kennenzulernen. Nach einem anschließenden traditionellen weißrussischen Essen in dieser Gastschenke, hieß es wieder zwei Stunden Rückfahrt.

Jetzt ging es zu Ingrid und Rolf, Sekt trinken auf ihren häutigen 35. Hochzeitstag. Wir hatten leider nicht viel Zeit, für 15.30 Uhr war schon das Treffen mit den Kindergruppen angesagt.

 
Begegnung mit den Kindern

Die Begegnung mit den Kindern war mit einer der Höhepunkte an diesem Tag. Wir treffen uns in einem der liebevoll ausgestalteten Schulräume. In einer großen Stuhlrunde aufgereiht, stellt sich jeder kurz vor, nennt seinen Namen, sein Alter und seine Hobby. Jedes der Kinder hier stammt aus einem radioaktiv hoch belasteten Ort. Das Frage- und Antwortspiel zwischen den erwachsenen Gästen und den Kindern zeigt dann vor allen den ernsten Wunsch nach Zukunftschancen, die Sehnsucht nach Frieden und Liebe in einer bedrohten Welt. Wir alle sind anschließend glücklich, dass wir aus den Fragen feststellen können, dass das Konzept von Nadeshda hier aufgeht, dass die Kinder hier Gesundheit und Lebensfreude tanken können. Zum Abschluss der Gesprächsrunde erhielt Rolf König, der sich als Borussia-Dortmund-Fan vorstellte, dass gelbschwarze Klassenmaskottchen geschenkt.

Unser spontan gebildeter Chor sang für die weißrussischen Freunde, drei deutsche Volkslieder.

Hinterher hieß es sich beeilen, in einer Stunde fängt die Geburtstagsfeier an. Schnell noch einmal frisch machen, umziehen und schon saßen wir um 17.30 Uhr im würdevoll geschmückten Kultursaal zum festlichen Abendessen anlässlich des 13. Jahrestages des Zentrums Nadeshda. Ein buntes Programm, von Gesang-, Tanz- bis Theatervorführung, alles war von den Mitarbeitern wieder hervorragend vorbereitet und vorgetragen worden. Auch unsere Reisegruppe, eine Gruppe aus den unterschiedlichsten Regionen, die in dieser Form heute das erste Mal zusammen sind, möchte etwas zur Fröhlichkeit beitragen, meinte Werner Heidemann (Geschäftsführer des Landesverbandes) und so sang unser spontan gebildeter Chor, zur großen Freude der weißrussischen Freunde, drei deutsche Volkslieder.

Werner Heidemann und Wjatscheslaw MakuschinskyWerner Heidemann gratulierte anschließend im Namen der westfälischen Gartenfreunde und bedankte sich für Gastfreundschaft, für die Liebe die unsere Gastgeber herüberbringen und damit auch ein Stück unsere Herzen öffnen.
Als Dank und Anerkennung werden auch in diesem Jahr wieder vom Landesverband sowie von vielen Bezirksverbänden keine Weihnachtskarten verschickt (Taten statt Weihnachtskarten), sondern dieses Geld wird für eine dringende Bewässerungsanlage der drei Gewächshäuser gespendet.

Rolf König und Wjatscheslaw MakuschinskyNadeshda ist ein edeler Stern am Himmel und Werner Heidemann wünscht Nadeshda eine glänzende Zukunft. Wir möchten Nadeshda auch weiterhin unterstützen, dass dieses Nadeshda auch glänzend bleibt. Lasst uns die Gläser erheben auf die Kinder von Nadeshda, denn die Kinder sind unsere Zukunft, sie sind die Zukunft dieser einen Welt.

Rolf König, Vorsitzender des Bezirksverbandes Hamm-Kreis Unna schloss sich den Glückwünschen an und überreiche dem Direktor des Kinderzentrums, Wjatscheslaw Makuschinsky, einen Scheck über 300 Euro womit das Fitnesszentrum, welches zum Andenken des verstobenen Wolfgang Menzel errichtet wurde, weiter ausgebaut werden kann.

Am Sonntag hieß es dann Abschied nehmen. Werner Heidemann bedankte sich nochmals bei den Gastgebern für die herzliche, warme, freundschaftliche Aufnahme und Betreuung der Delegation. Selten haben die Teilnehmer eine solch eindruckvolle Reise gemacht.

Abschlussfoto am Tag des 13. Geburtstages


Der anschließende Abschied von Nadeshda war lang und ergreifend und viele äußerten spontan: „Das war nicht mein letzter Besuch in Nadeshda, ich werde wiederkommen.". Der Flug mit einer Tupolew TU-154 von Minsk nach Frankfurt verlief indessen ereignislos und ruhig.  Meine Gedanken dagegen kreisten immer noch und ich glaubte zu hören, dass auch bei meinen Mitreisenden die Gedanken bei dem Erlebten, bei dem Leid, das sie gespürt, aber auch bei der Freude der Menschen, die wir erlebt haben, sind.

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